Hallo ihr Lieben, ich muss euch unbedingt erzählen, was mir gestern auf der Rückreise von meiner Dienstreise aus Berlin passiert ist. Eigentlich hatte ich alles perfekt geplant: Um 15:30 Uhr sollte es vom Berliner Hauptbahnhof zurück nach Hamburg gehen. Schon vor der Abreise wusste ich, dass meine ursprüngliche Sitzplatzreservierung aufgehoben wurde. Schade – denn eigentlich buche ich immer ganz gezielt Plätze, bei denen mir niemand auf den Bildschirm schauen kann, um unterwegs entspannt zu arbeiten. Vorsorglich hatte ich mir also etwas zum Lesen ausgedruckt. So zumindest der Plan…
Die Ruhe vor dem Sturm
Am Hauptbahnhof angekomme
n, kam direkt die erste Durchsage: 60 Minuten Verspätung. Als geplagter deutscher Bahnfahrer bleibt man da gelassen, nutzt die zusätzliche Zeit für ein bisschen Shopping und schlendert schließlich entspannt zum Gleis. Doch als ich auf dem Bahnsteig stand, wurde mir schnell klar: Das hier ist keine normale Verspätung. Die Bahnsteige waren völlig überquollen. Der Zug nach Hamburg um 13:30 Uhr? Ersatzlos gestrichen. Der Zug vor meinem? Auf unbestimmte Zeit verschoben. Während hunderte Menschen dicht an dicht warteten, sprang die Anzeige meiner Bahn alle paar Minuten weiter nach hinten. Um 16:52 Uhr – fast 1 1/2 Stunden zu spät – rollte der Zug endlich ein. Massen genervter Fahrgäste stiegen aus, und mir schwante Böses. Ich hoffte inständig, dass meine Ersatzreservierung geklappt hatte. Und tatsächlich: Glück gehabt! Ich sicherte mir meinen Platz an einem Vierertisch, den ich sonst zwar nie buchen würde, der in diesem Moment aber wie der reinste Luxus wirkte.
Räumung, Güterzug und Waldbrand
Wir standen. Und standen. Und standen. Der Gang war vollgestopft mit Menschen, viele saßen sogar auf dem Boden. Nach einer halben Stunde meldete sich der Zugbegleiter: „Aus Sicherheitsgründen dürfen wir so nicht losfahren. Bitte alle Passagiere ohne Sitzplatz wieder aussteigen und den nächsten Zug nehmen.“ Nach gefühlten Ewigkeiten setzte sich der Tross endlich in Bewegung. Die Stimmung lockerte sich auf, wir schöpften Hoffnung. Bis Wittenberge… Außerplanmäßiger Stopp. Die Begründung: Ein schadhafter Güterzug blockierte die Strecke. Wir durften aussteigen, um uns die Füße zu vertreten. Kurz darauf die Bitte des Zugführers: „Bitte unbedingt die Türen geschlossen halten, sonst fällt die Klimaanlage aus. Wenn die ausfällt, müssen wir den Zug evakuieren.“ Ein kollektives Raunen ging durch die Waggons. Wenig später das nächste Update: Der defekte Güterzug hatte durch Funkenflug beim Bremsen einen Waldbrand ausgelöst. Die Strecke war voll gesperrt. Also hieß es: Wenden und über Stendal umleiten!
Wenn die Arbeitszeit abläuft
Meine Tischnachbarin war zu diesem Zeitpunkt schon völlig erschöpt. Sie saß seit 11:00 Uhr morgens im Zug aus München – inklusive Stellwerksstörungen und Dauerfrust. Als die nächste Durchsage knisterte, rechnete ich fest mit einem Nervenzusammenbruch. Der Lokführer teilte uns mit, dass das gesamte Zugpersonal nach Diskussionen feststellen musste, dass ihre maximale Arbeitszeit von 11 Stunden überschritten sei. Sie durften schlichtweg nicht mehr weiterfahren. Ach du Sch…! In Stendal war Endstation. Ein riesiger Ansturm auf den Zug am Nachbargleis begann, da jeder einen Sitzplatz ergattern wollte. Ich hatte Glück, stand günstig und landete in einem Abteil bei einer wunderbaren jungen Familie mit zwei bezaubernden kleinen Mädchen (3 und 6 Jahre alt). Die beiden waren so herzig – sie erinnerten mich sofort an meine eigenen Kids, als sie noch in dem Alter waren. Sie luden sogar spontan eine junge Frau aus dem vollgestopften Gang ein, sich zu uns zu quetschen.
Der Teufelskreis
Wir warteten. Und warteten. Plötzlich ertönte eine herrische Stimme über die Lautsprecher: Ein Fahrradbesitzer blockiere den Gang. Wenn er nicht sofort auftauche, würde die Bundespolizei gerufen. Wenig später die nächste Durchsage: „Der Zug ist überfüllt. Fahrgäste mit Rädern und junge, mobile Passagiere werden gebeten, auszusteigen und die S-Bahn zu nehmen. Die S-Bahn kann aber erst einfahren, wenn wir das Gleis freimachen. Das können wir aber erst, wenn genügend Leute ausgestiegen sind…“ Ein Teufelskreis, wie TV Kaiser sagen würde!
Endstation Hamburg
Rund 10 Minuten später fuhren wir endlich an – nur um wenig später mitten auf freier Strecke wieder zu halten. Grund diesmal: Kinder im Gleisbett. Irgendwann ging es weiter, gefolgt von einem weiteren Stopp wegen eines defekten Zuges bei Deutsch Evern und einem Zwischenhalt in Lüneburg, damit verzweifelte Fahrgäste noch Anschlüsse erwischen konnten. Um 22:00 Uhr – mit knapp fünf Stunden Verspätung – rollte ich schließlich in den Hamburger Hauptbahnhof ein. Gegen 23:00 Uhr war ich endlich zu Hause. Was für ein Trip!
Ein großes Dankeschön: Bei all dem Chaos möchte ich mich aber ganz ausdrücklich bei den extrem freundlichen und engagierten DB-Mitarbeitern bedanken. Sie haben unter enormem Druck fantastisches Krisenmanagement betrieben und ihr Bestes gegeben, um uns allen zu helfen. Ich hoffe sehr, dass diese Leistung auch von ihrem Arbeitgeber gewürdigt wird!